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Den Schamanismus, den ich zu leben glaube, verstehe ich als Erfahrung in unserem Gebiet, in Europa, genauer gesagt in Mitteleuropa. Ich bin Europäer, also reise ich zu den Ortsgeistern im hier und jetzt. Damit grenze ich mich klar von indianisch-, inuit-, Curandero- oder sonst anderswo lokal orientiertem Schamanismus ab. Ich lebe in der Schweiz, die Spirits, die ich mittelweltlich bereise ebenso. Hier ist mein und ihr zu Hause.
Am Ende ist vielleicht jeder schamanisch Arbeitender, in welcher Form auch immer, einfach nur ein Teil der Natur, die ihn umgibt. Vor uns haben hier in Mitteleuropa, wie auch anderswo, schon Generationen von Menschen gelebt. Den Zugang zur Einheit schamanischer Anderswelten und Alltagsrealität haben wir vielleicht nie verloren. Zu erfahren, was vor unserer Zeit an den heimischen Orten alles geschehen, gedacht, gefühlt und ersonnen wurde, kann einem den steten Einfluss der lokalen Anderswelt vor Augen führen.
Natürlich wurde in unserer Region sehr vieles durch den starken Einfluss des Christentums unterdrückt und so manches an unserem Erbe mag auf diese Weise verloren gegangen sein. Der Zugang zur mittleren Anderswelt ermöglicht uns dennoch die unvoreingenommene Sicht unseres lokalen Daseins.
Bevor ich mich intensiv mit schamanischen Techniken befasste, weckte das Wort "Schamanismus" in mir ein Bild von Indianern, die um ein Feuer tanzten und dabei Masken und Kopfbedeckungen aus irgendwelchen Tierbestandteilen trugen.
Eigentlich ein schönes Bild, aber es hat nicht viel mit dem Schamanismus zu tun, den man hier in Europa leben kann. Wir sind keine Indianer, wenn wir auch noch so gerne eine Naturverbundenheit mit einem Faible für indianischen Schmuck gleisetzen. Wir leben in diesem Europa, das neben grossen Städten auch wunderschöne Landstriche und Berge hat.
Schamanismus ist etwas altes, das sehr wahrscheinlich schon von Menschen praktiziert wurde, die noch in Höhlen hausten. Viele Höhlenmalereien weisen spezielle gepunktete Flächen auf, die vielleicht auf den Eintritt in schamanische Anderswelten hinweisen. Es wäre auch nicht verwunderlich, denn für schamanisches Reisen benötigt es nicht mehr Hilfsmittel, als es schon Steinzeitmenschen hatten.
So eine Reise führt in andere Welten. Im schamanischen Kontext sind dies aber keine wirklich fremde Welten, sondern eng mit unserer Welt verbunden. Vielleicht trifft es der Ausspruch: "dort, wo die Seelen wohnen."
Schamanisches Arbeiten ist für mich in zwei Teile aufzugliedern:
1. das schamanische Reisen als Technik
2. daraus resultierende Praktiken
Um Schamanismus zu erfahren, ist das Erlernen schamanischer Reisetechniken ein erster Anlaufpunkt. Eine solche Reise beginnt rein physisch mit einer Veränderung des Bewusstseinszustandes. Der Begriff Trance ist zwar etwas abgenutzt und es scheint auch Uneinigkeit über die genaue Definition dieses Begriffes zu herrschen, dennoch möchte ich aus meinem Blickwinkel darauf eingehen. Trance wird allgemein als vermindeter Bewusstseinszustand bezeichnet, in Abstufung von gewissen Tiefen. Da sehe ich aber bereits eine Irreführung durch den Betrachter eines Menschen in Trance. Für den Betrachter mag sich in der alltäglichen Wirklichkeit tatsächlich eine Verminderung der Wahrnehmungsfähigkeit zeigen. Doch für den, der sich in die Trance begibt, ist es lediglich ein Verschieben der Aufmerksamkeit von der alltäglichen Wirklichkeit auf eine nicht-alltägliche. Vermindert ist da gar nichts, man geht einfach woanders hin, hat aber all seine Sinne dabei. Ich nenne es einen Zustand "wacher als wach".
Daraus folgt bereits eine logische Strategie: es ist nicht nötig, sich mit Drogen den Verstand für die alltägliche Wirklichkeit so quasi auszuschalten, den gerade den braucht man, um sich in anderen Welten bewegen zu können.
Das Schlüsselwort heisst in meinen Augen: Aufmerksamkeit. Nicht etwa Konzentration. Eine Konzentration versucht willentlich andere Dinge auszugrenzen und sich auf etwas zu fixieren. Die Aufmerksamkeit ist etwas feineres, nicht mit Gewalt herbeigeführtes. Wenn wir beispielsweise bei der Arbeit gedanklich abdriften und über etwas völlig anderes nachdenken, dann ist das eine Verschiebung der Aufmerksamkeit. Oft erleben wir das beim Autofahren und wissen im Nachhinein nicht mehr, dass wir an bestimmten Stellen durchgefahren sind. Dennoch lenkt uns unsere menschlich Natur wieder zurück in die alltägliche Wirklichkeit, sobald unser sicher fahrendes Bewusstsein eine Situation erkennt, die das Eingreifen unserer ganzen Aufmerksamkeit erfordert.
Wie verschiebt man nun seine Aufmerksamkeit? - Genau an dieser Frage setzen schamanische Techniken ein, die uns mit Neugier auf andere Teile der Welt ziehen. Passiv, nicht aktiv wie bei der Konzentration.
Einmal in anderen Welten angekommen, bewegt man sich dort in unterschiedlichen Gebieten. Man kann sich das als koexistierende Wirklichkeiten vorstellen. Generell unterscheidet man zwischen einer unteren Anderswelt, einer oberen und einer mittleren.
Dort erlebt man Dinge, ähnlich wie wir Dinge erleben in unserer alltäglichen Wirklichkeit. Wir können dort lernen, leben und Erfahrungen machen. Daraus resultieren letztendlich Erkenntnisse und Fähigkeiten, die vielleicht unsere Vorfahren hier zu Lande erfuhren.
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